KulturKantine Fabrikation

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Seit einigen Jahren findet in Kooperation mit dem IBG Internationale Begegnung in Gemeinschaftsdiensten e.V. ein jährliches Workcamp statt. Ein Video ermöglicht Ihnen einen Einblick in die Sanierung.

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Neue Impulse für Alte Seegrasspinnerei durch ökologische Sanierung

Innovativer Ausbau der Alten Seegrasspinnerei mit ökologischen Baustoffen und regenerativer Energietechnik

Im ökologischen, sozialen und kulturellen Zentrum “Alte Seegrasspinnerei” in Nürtingen wird ein neues Großprojekt umgesetzt. Ein bisher ungenutzter Teil des unter Denkmalschutz stehenden Industrie-Gebäudeensembles aus den Jahren 1872 bis 1888 soll nun mit neuem Leben erfüllt werden. Das riesige Fabrikationsgebäude bietet auf vier Etagen insgesamt 1.550 m² Nutzfläche für neue Einrichtungen und Initiativen für Kinder, Jugendliche und Familien. Geplant ist der denkmalgerechte Ausbau mit ökologischen Baustoffen und regenerativer Energietechnik. Der Umbau des Geländes erfolgt sukzessiv unter Einbeziehung sozial benachteiligter Jugendlicher, die aus diesem Projekt Erfolgserlebnisse und neues Selbstbewusstsein gewinnen werden.

Industrie-Denkmal

Der Name des Areals hat durchaus historische Wurzeln. Einer mechanischen Werkstätte, in der sogar ein patentiertes Mahlwerk erfunden wurde, folgten “Schmid und Söhne” mit einer Seegras- und Rosshaarspinnerei, die bis nach Asien Gurte und Polsterungen exportierte. Die wirtschaftliche Depression in den 20er Jahren brach der Firma, die sich auf hochwertige Möbel spezialisiert hatte, das Genick. Nach den Kriegswirren entwickelte sich eine Möbelfabrik für Banken auf dem Areal, bis diese in den 70ern in die Nachbarstadt umsiedelte. Die meisten Gebäude dieser Firma wurden abgerissen, nur das ursprüngliche Ensemble konnte dank des Denkmalschutzes erhalten bleiben. Eine türkische Moschee, ein jugoslawischer, später albanischer Verein und der Trägerverein Freies Kinderhaus mieteten sich in die drei Häuser ein: Kontorhaus, Turbinenhaus und das eigentliche Fabrikationsgebäude, das nun als letztes der drei Gebäude ausgebaut wird, um das Konzept eines “ökologischen, sozialen und kulturellen Zentrums” zu realisieren.

Bundesweite Auszeichnungen für sozialpädagogische Arbeit

Im Gebäudekomplex der Seegrasspinnerei sind bereits seit 1989 die Kinder-Kultur-Werkstatt und ein Schülerhort angesiedelt. Verantwortlich ist der Trägerverein Freies Kinderhaus e. V., der aus einer Elterninitiative “Freies Kinderhaus” hervorging und seit 1985 die Förderung von Bildung, Erziehung und Kultur vorantreibt. Vor allem das sozial verantwortliche und eigenständige Handeln von Kindern und Jugendlichen soll dadurch unterstützt werden. Dafür werden ihnen Raum und Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Kreativität und Persönlichkeit gegeben. In der Kinder-Kultur-Werkstatt (bundesweit als KiKuWe bekannt) heißt das konkret, dass Kinder Platz und Gelegenheit haben, sich im handwerklich-kreativen Bereich zu betätigen, zu werken, löten, schweißen, mit Ton zu arbeiten, zu malen oder zu tanzen und zu spielen – eine Menge Aktivitäten, die oft zu Hause nicht möglich sind.

Das ehemalige Kontorhaus wurde 1999 angemietet und innerhalb von drei Jahren mit jungen Erwachsenen in Qualifizierungsmaßnahmen des Arbeitsamtes saniert. Heute ist hier eine familienfreundliche Gaststätte, die KulturKantine untergebracht, ebenso wie das Atelier für Kunst und Therapie und Künstlerateliers. Die Geschäftsstelle des Trägervereins Freies Kinderhaus, der inzwischen auch weitere Initiativen wie Waldkindergarten und Krabbelgruppen den rechtlichen Rahmen bietet, ist ebenfalls hier zu finden. Der Umbau wurde mit dem 1. Preis des Wettbewerbs “Wohnen mit Kindern” durch die baden-württembergischen Bausparkassen ausgezeichnet. Auch das Forum Region Stuttgart bedachte den Umbau 2001 mit dem Förderpreis für Denkmalpflege.

Im Fabrikationsgebäude, dessen Sanierung nun mit voller Kraft in Angriff genommen wird, sollen die bestehenden Einrichtungen neuen Raum finden sowie neue Behindertenarbeitsplätze im Bereich einer Herberge mit Tagungshaus entstehen. Ein Äthiopisches Restaurant soll hinzukommen, ebenso eine Hebammenpraxis und Räume für Aktivitäten und Beratungsangebote der FuGe sowie Ateliers für Künstler. Der Bedeutung dieses Sanierungsprojektes entsprechend, wird geplant, in der Seegrasspinnerei schon während der Bauphase ein Büro des Energieberatungszentrums Stuttgart (EBZ) einzurichten. Die Sanierung wie auch die Energieberatung wird von der ÖKOWATT-Stiftung Nürtingen unterstützt.

Für das Ausbauprojekt der Fabrikation hat der Trägerverein Freies Kinderhaus Nürtingen mehrere ökologisch orientierte Baustoffhersteller und Händler gewonnen, die das Projekt beratend und materiell unterstützen. Beteiligt sind u. a. die RE ENCO – Erneuerbare Energien (Ingenieurbüro / Projektleitung Energie), WEM Wandheizung GmbH (Wandheizungssysteme), conluto (Lehmbaustoffe) und Gebr. Ott Baustoffe (Baustoffhandel), Bosch-Junkers (Gas-Brennwerttechnik und zentrales Energiemanagement) sowie die Firma Putzmeister.

Denkmalschutz – Bausubstanz – Gebäudesanierung

Ein Schwerpunkt des Projektes wird die Sanierung der historischen Fachwerkwände sein. Die Gefache selbst scheinen derzeit noch relativ intakt. Schadhafte Stellen werden mit dem ursprünglich verwendeten Baustoff Lehm repariert bzw. erneuert. Da die Wände den heutigen energetischen Anforderungen nicht mehr entsprechen, müssen sie gedämmt werden. Da eine äußere Fassadendämmung in diesem Fall wegen Auflagen des Denkmalschutzamtes nicht möglich bzw. gewünscht ist, wird eine Innendämmung eingebracht.

Bei solchen Maßnahmen besteht potentiell die Gefahr einer Taupunktverschiebung in den Dämmstoff hinein, woraus Feuchteschäden resultieren können. Zur Lösung dieses Dilemmas werden zum einen kapillar-aktive Baustoffe wie Holzweichfaserplatten zur Dämmung genutzt und Lehm als Putzsystem einsetzt. Diese Materialien sind in der Lage, anfallende Feuchtigkeit an die Oberflächen zu leiten, wo sie verdunsten kann.

Zum anderen wird die Oberflächentemperatur der Wände soweit erhöht, dass der in der Raumluft enthaltene Wasserdampf nicht mehr kondensieren kann. Dies geschieht durch ein Wandheizungssystem, welches in die Putzschale eingebracht wird. Zusätzlich werden Heizleitungen gezielt an kritische Bauteile (Wärmebrücken) wie Raumecken, Wand-Boden- und Wand-Deckenübergängen geführt.

Über die bauwerkserhaltende Komponente hinaus erzeugt ein solcher Wandaufbau ein sehr gesundes und behagliches Raumklima. Außerdem kann mit der Wandheizung bis zu 20 % Energie gegenüber herkömmlichen Heizkörpern gespart werden. Da die Heizflächen mit einer relativ geringen Wasser-Vorlauftemperatur von max. 45°C auskommen, lassen sie sich ideal in das innovative Energiekonzept einbinden.

Energiekonzept

Das wichtigste Einsparpotenzial ist gleichzeitig die große Herausforderung: Eine hohe Energieeffizienz in einem denkmalgeschützten Gebäude von ca. 1880 erreichen. Tatsächlich lässt sich an diesem historischen Gebäude beispielhaft beweisen, wie selbst mit begrenztem Budget bei konsequenter und fachgerechter Sanierung der Niedrigenergiestandard nach EnEV (Energie-Einspar-Verordnung) erzielt werden kann. Denn für diesen wesentlich geringeren Wärmebedarf kann die Heizungstechnik kleiner und effizienter geplant werden, was sowohl die Investitions- als auch die Betriebskosten der nächsten Jahrzehnte deutlich senken wird.

Für die Wärme- und Warmwasserversorgung werden in der Planung die sinnvollen Varianten und Kombinationen aus Gasbrennwerttechnik, Solaranlage, Grundwasser-Wärmepume und Kraftwärmekopplung (Gas- oder Pflanzenölbetriebenes Blockheizkraftwerk) miteinander verglichen. Neben der rein wirtschaftlichen Amortisationsrechnung ist für den Verein auch die regionale Versorgung bzw. Wertschöpfung ein Entscheidungskriterium.

Erlebbare Denkmalpflege und Technologie

Neben der Zielsetzung, neuen Raum für die Anforderungen des Trägervereins zu schaffen, soll der Sanierungsprozess genutzt werden, um die eingesetzten Materialien und Technologien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Am Objekt soll über ein bis zwei Jahre miterlebt werden können, wie auch alte Gebäude auf hohen energetischen Standard gebracht werden können. Die fachgerechte Sanierung und die Verbindung traditioneller Werkstoffe mit neuen Entwicklungen der Gebäudetechnik werden sicht- und fühlbar. Das Thema Energieeffizienz und -einsparung kann hier vom Energieberatungszentrum und von Herstellern für Fachleute und Bauherren bestens präsentiert werden.

Seminare und Workshops für Fachplaner und Bauherren
In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen wird die Baustelle für den Publikumsverkehr geöffnet. In einer Seminarreihe für Baufachleute und interessierte Privatpersonen werden Themen der Baubiologie, Umwelttechnik, Denkmalpflege und Restaurierung vermittelt. Die Seminare setzen sich jeweils aus einem Theorie- und einem Praxisteil zusammen. Im Theorieteil geht es u. a. um Baustoffkunde und die bauphysikalischen Grundlagen, während im Praxisteil kräftig gebaut und verarbeitet wird. Der Trägerverein erwartet einen großen Erfolg der Seminarreihe, da hier der Modellcharakter dieses einzigartigen Gebäudes eindrucksvoll dokumentiert und bekannt gemacht wird.

Die Auftaktveranstaltung für die Seminarreihe findet am 11. November 2006 unter aktiver Mitwirkung der beteiligten Firmen und namhafter Referenten statt. Anschließend werden zielgruppenspezifische Seminare für Architekten, Handwerker und interessierte Privatleute angeboten. Das genaue Seminarprogramm erhalten Sie beim Trägerverein Freies Kinderhaus und unter www.tvfk.de.